November, 2019 — 9min Lesezeit

Erfolg und Scham – zwei ungleiche Gesichter

Ein Beitrag von Ulrich zur Strassen

"Wie bitte - sich schämen bringt Erfolg?" Was hat es mit der Scham auf sich? Wozu dient sie? So unangenehm Schamgefühle sind – für unsere Entwicklung sind sie wichtig …

… der altgediente Mitarbeiter Thilo S. spürt mehr und mehr, wie er an Bedeutung im Unternehmen verliert. Wohlwollende, wertschätzende Blicke und Gesten seiner Vorgesetzten oder Kollegen weichen einem eher gleichgültigen Verhalten. Früher galt er in den Augen der anderen als kompetente Fachkraft. Sein Rat war gefragt. Jetzt erlebt er sich immer bedeutungsloser und austauschbar. Um diesen Frust und Schmerz auszuhalten, fängt er an, die Arbeit seiner Kollegen herunterzumachen oder diese wegen ihrer Fehler an den Pranger zu stellen.

Szenenwechsel:

Martha G. präsentiert selbstbewusst und euphorisch ihre Ideen für ein zukunftsweisendes Konzept.
Sie erhofft sich insgeheim, dafür von ihren Kollegen bewundert zu werden. Stattdessen weisen diese auf ein paar Schwachstellen hin. Ihr Gesicht wird leichenblass und erstarrt zu einer Maske: „Wie konnte ich das nur übersehen!“ Am liebsten würde sie im Erdboden versinken. Fluchtartig verlässt sie den Raum.

Diese beiden Situationen haben eins gemeinsam: Jedes Mal geht es um ein ungutes diffuses Gefühl, das uns beklemmt: Scham.

Gleichgültig ob wir solche Szenen bei Kollegen beobachten oder sie gar selbst durchleben – Scham ist alltäglich und urmenschlich. Dennoch wird sie uns selten bewusst. Unsere moderne, aufgeklärte, ökonomisch-technologisch geprägte Industriegesellschaft hat scheinbar Scham erfolgreich verdrängt. Ein Tabuthema also?

Ignorieren hilft nicht, es schadet …

Nur noch im Zusammenhang mit unseren Mitmenschen sprechen wir beispielsweise über „Fremdschämen“ oder „ein unverschämtes Verhalten“. Und wir selbst? Was ist, wenn es nicht um andere, sondern um uns selbst geht? Wenn uns mit einem Schlag bewusst wird, wie sehr wir gegen unseren eigenen Willen im Mittelpunkt des Geschehens stehen? Scham entsteht an einer unsichtbaren Grenze zwischen uns und den anderen. Sie zählt deshalb zu den beziehungsrelevanten Gefühlen. Gerade deswegen spielt sie auch im Arbeitsleben eine so bedeutsame Rolle – allerdings häufig unerkannt, verdrängt, abgewehrt und damit in der Folge destruktiv.

„Augen“-fällig im Kontext dieses elementaren Gefühls sind die zahlreichen optischen Beschreibungen: sehen, gesehen werden, verhüllen, verlegen wegschauen, bloßgestellt werden, am Pranger stehen, ein Pokerface oder eine Maske aufsetzen, unsichtbar werden wollen, abweisende Blicke, usw. Der „Blick“ ist dabei nicht nur wortwörtlich zu verstehen. Er bezieht sich im übertragenen Sinn auch auf unsere inneren Sichtweisen:

• Wie sehe ich mich selbst?
• Was von mir möchte ich anderen zeigen und was verbergen?
• Wie möchte ich von meinen Mitmenschen gesehen werden?
• Und – wie sehen andere mich?

Wir Menschen stehen permanent im Spannungsfeld dieser vier Sichtweisen. In den Momenten, in denen wir überfallartig erkennen, wie weit das Außen und das Innen auseinanderklaffen, erleben wir Scham. In solchen Szenen fühlen wir uns bloßgestellt, bedroht, hilflos und schwach, zweifeln an uns selbst. Wut, Ärger, Ängste, Trauer, manchmal auch Neid, Ekel und weitere Gefühle vervollständigen unser inneres Chaos. Das ist mehr, als wir in diesen Situationen aushalten oder gar verarbeiten können.

Wir erleben diesen Gefühlscocktail zunächst häufig so unangenehm oder gar schmerzhaft, dass wir kaum anders können, als ihn abzuwehren. Deshalb zeigt sich Scham selten offen, sondern eher verhüllt in Form von oft unbewussten Abwehrmechanismen.

Beispiele für nach außen gerichtete Abwehrformen („Angriff ist die beste Verteidigung“), mit denen wir versuchen, Scham abzuwehren: Ironie, Süffisanz, Sarkasmus, Wut, Trotz, eigenes unverschämtes oder schamloses Verhalten („die Scham los werden müssen“), in anderen den Sündenbock suchen, sich selbst oder andere zum Narren machen, eine übertriebene Heldentat oder unverständliches Schwafeln ….

Beispiele für nach innen gerichtete Abwehrformen, die auf Scham hinweisen können: erstarren, ein Pokerface machen(sich hinter einem Pokerface verstecken), den anderen nicht mehr ansehen können, eigene Perfektion und Makellosigkeit, sich klein machen und anpassen, sich einigeln, leugnen, lügen, verdrängen …

Bleiben wir in unseren Abwehrmechanismen stecken, ohne die eigentlichen Ursachen zu erkennen, steigt die Gefahr, dass wir immer und immer wieder gleiche oder ähnliche Momente durchleben. Konflikte bauen sich auf und verfestigen sich. Wir ziehen uns immer mehr zurück, kündigen innerlich, werden möglicherweise auf Dauer krank oder verhalten uns unverhohlen aggressiv gegenüber unseren Mitmenschen.

Im Gegensatz zu anderen unangenehmen Gefühlen wie Angst, Ekel oder Wut lässt sich Scham schwer beschreiben und eingrenzen. Sie ist ein vielschichtiges, meist verdecktes Gefühl, das uns tief verunsichert. Auslöser können sein:

• ungewollte Tabubrüche
• Selbstüberschätzung
• Scheitern
• Angst vor sozialer Verbannung
• unerfüllter Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen
• Herkunft
• Aussehen (Hautfarbe, Kleidung etc.)
• Makel jeglicher Art (Krankheit, Narben, Feuermal etc.)

Die Liste ist beliebig lang …

Die Spannbreite der Gefühle reicht hierbei von verlegen sein über peinlich berührt sein bis hin zu tiefem Schmerz.

Scham schützt

Trotz oder gerade wegen der unangenehmen, schmerzhaften, teilweise peinigenden Gefühle hat Scham eine tieferliegende gegenteilige Aufgabe: Sie schützt!

Sie reguliert wesentlich, in welcher Art und Weise wir mit unseren Mitmenschen zusammenleben und -arbeiten. Wie eine rote Kontrollleuchte am Armaturenbrett des Autos weist sie uns auf eine massive Diskrepanz zwischen unserem inneren Idealbild und einem äußeren Wahrgenommen werden hin. Von unserem Inneren wird etwas gegen unseren Willen preisgegeben. Oder wir müssen erkennen, andere bewundern oder akzeptieren uns nicht mehr. Oder wir stellen fest, wir haben wesentliche Aspekte unserer inneren Vorstellung von uns selbst aufgegeben. Wir schämen uns dann vor anderen und/oder vor uns selbst.

So schützt uns Scham tatsächlich vor noch größeren Blößen. Sie schützt uns davor, gänzlich ausgestoßen zu werden. Und – sie schützt uns durch übertriebenes Anpassen davor, unsere Selbstbestimmtheit zu verlieren.

Weg aus der Sackgasse – Chance für neue Erfolge

Es gibt also einen alternativen Weg, wie wir lernen können, mit Scham umzugehen. Vielleicht mühsam, aber Schritt für Schritt bereichernd und befreiend. Wir empfinden Scham auf jeden Fall, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht. Der erste, entscheidende Schritt ist also, sie auch wahrzunehmen und uns einzugestehen: „Das ist mir jetzt derart unangenehm und peinlich!“ Bei ganz besonders sensiblen Themen oder heftigen Szenen können wir kaum anders, als sie zunächst abzuwehren. Insofern ist es auch hilfreich, die eigenen Abwehrmechanismen kennenzulernen. Allerdings können wir erst mit Abstand ein solches Erlebnis reflektieren. Oder wir bitten jemanden, dem wir vertrauen, uns zu sagen, wie er uns erlebt hat.

Kennen wir erst einmal unsere oft unbewussten Verhaltensweisen, haben wir die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was genau oder wer uns in solchen Situationen so aus der Fassung gebracht, beschämt hat. Die Scham hilft, uns unsere häufig verborgenen Konzepte und Ideen über uns selbst bewusst zu machen. So erhalten wir eine Chance, diese zu reflektieren, zu überprüfen, sie eventuell zu korrigieren oder gar ganz neuzugestalten. Wir gewinnen andere, neue Sichtweisen und Perspektiven über uns, über unsere Mitmenschen und unser Zusammenleben mit ihnen. Eine Weiterentwicklung wird möglich. Wir betreten neue Räume im Zusammenleben und -arbeiten, in denen wir wieder selbstbestimmter agieren können. Neue Erfolge werden möglich. Wir erleben uns selbst wiederum wertgeschätzt, akzeptiert und anerkannt.

Zurück zu unseren Beispielen vom Anfang:

Die verfahrene Situation könnte bei Thilo S. alternativ auch Aufbruch und Neugier auslösen, sich zu hinterfragen, sich neue Kompetenzen anzueignen, um so wieder von Kollegen die erhoffte Anerkennung zu bekommen. Statt Frust kann so neue Lust an der eigenen Arbeit entstehen.

Martha G. könnte ihr selbstverliebtes Konzept überarbeiten und mit ihren Kollegen klären, welche Aspekte sie tatsächlich vermisst haben und welchen Nutzen sie sich erhoffen. Arbeitet Martha G. deren Themen in ihren neuen Entwurf ein, steht dem Erfolg und der erhofften Wertschätzung durch die Kollegen nichts mehr im Wege.

Wir haben tatsächlich eine Wahl. Entweder wir wiederholen, wie in einer endlosen Schallplattenrille, das ewig alte Lied „Scham, Abwehr, erneute Scham“ und verhärten. Oder wir nutzen dieses durch und durch unangenehme, aber wertvolle Gefühl als Chance dafür, uns selbst und unser Zusammenleben mit unseren Mitmenschen weiterzuentwickeln.

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